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Michael Odlozil, 1972 in Wien geboren, studierte Konservierung und Restaurierung an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Seit 1997 ist er selbstständig im Atelier Schlossgasse und seit 1999 im Kunsthistorischen Museum als Restaurator tätig. 2010 begann er mit der eigenen Malerei, die er hier präsentiert.

 

Odlozils Atelier befindet sich im Kunstquartier in der Aichholzgasse im 12. Wiener Gemeindebezirk, wo er neben 60 Kunstschaffenden verschiedenster Bereiche malt. Rund um einen Arbeitstisch stehen und hängen die eindrucksvollen, hauptsächlich großformatigen Werke. Über dem gesamten Raum liegt ein rußiger Film feiner Partikel − Staub von Farbpigmenten, die in Behältern auf einem Regal hinter dem Tisch stehen. Irgendwo in einer Ecke findet man Wannen mit eingetrockneter Farbe und Pinsel. Es ist ein Laboratorium, in dem der Besucher sofort durch die enorme Präsenz der riesengroßen Gemälde überwältigt wird. Zunächst wirkt alles abstrakt in gedämpften Tönen, lässt man es zu und lässt sich treiben, wird man entführt in Unterwasserwelten oder fremde Universen.

 

Das Hauptmotiv des Künstlers ist die Landschaft, die Werke erinnern an die Mondoberfläche, an Felsformationen, Wasserszenerien oder Bergkulissen. Auf die Frage, ob er seine Bilder auf Streifzügen durch Wälder und Wiesen ersinnt, meint der Künstler, er sei eher ein Naturmensch aus der Ferne. Die Landschaft diene ihm zwar als Ausgangspunkt − Initialzündung sei häufig Gesehenes, Impressionen bei der Fahrt durch Stadt oder Land − die Bilder entstehen aber im Kopf. Die Übersetzung in abstrakte Gemälde geschieht langsam und kontemplativ. Wie gefilterte Momentaufnahmen bannt Odlozil seine Eindrücke auf die Leinwand. Er malt mit pulvrigen Pigmenten, die er ohne Bindemittel in Wasser auflöst und mit verschiedensten Pinseln und Schwämmen aufträgt. Als Malgrund verwendet er Molton, eine spezielle, aufgeraute Baumwolle, die Schall und Licht absorbiert. Damit sich die nassen Farbteilchen mit der Leinwand verbinden, wird diese im Vorfeld genässt. Konzentriert und von Kalkül geleitet, trägt der Künstler mehrere Schichten Pigment auf. Gemischt wird erst während des Malprozesses, die Farbteilchen sind auch im fertigen Zustand des Bildes vereinzelt noch erkennbar. Im Anschluss an diese unmittelbare und archaische Malweise, nach dem Trocknen, werden die Farben fixiert.

 

Odlozil schafft ausgewogene, harmonische Bildkompositionen, die eine besondere Ruhe ausstrahlen. Das raue, pelzige Molton in Kombination mit dumpfen, erdigen Farben unterstützt diesen Eindruck. Feine, parallel laufende Linien treffen auf zarte Farbrinnsale in matten Schwarz- und Brauntönen. Zwischen organischem Rosa oder sattem Blau erscheinen strahlend weiße Lichtpunkte, die von der Atmosphäre gebrochen oder von Wasser reflektiert zu werden scheinen. Faszinierend, wie aus der an und für sich statischen, unbewegten Malerei der Eindruck von bewegtem Wasser, Wind oder gleißendem Licht entsteht.

 

Für Odlozil sind die Bilder immer auch Versuchsfelder, sowohl was Materialeffekte oder         -vorstellungen als auch was die (optische) Wirkung betrifft, die sie am Ende erzielen. Er reduziert auf das Wesentliche. Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der Abstraktion gelingt es ihm, die Sinne zu täuschen und Assoziationen oder Illusionen auszulösen. "Sparsamkeit der Mittel" ist ein Schlüsselbegriff, den der Künstler in diesem Zusammenhang verwendet. Diese Mittel lotet er immer wieder aufs Neue auf seine Effekte hin aus. Betrachtet man die Bilder aus der Ferne, meint man dunkle Gewässer mit diffusen Spiegelungen, mystische Lichtungen oder Strandszenen in der Dämmerung zu sehen. Bisweilen bietet nur ein Horizont Orientierung und Halt.

 

Dieselbe Ästhetik wie in den Malereien, Formen und Farben betreffend, begegnet uns auch in Odlozils Landschaftsfotografien, die er in ähnlich konsequenter Weise abstrahiert und verfremdet. Durch Ausschnitthaftigkeit, Unschärfe, Verdrehen oder Invertieren bricht er mit den üblichen Sehgewohnheiten und legt den Fokus auf Struktur und Komposition. Das Gehirn des Rezipienten versucht, die visuellen Eindrücke zu verarbeiten, zu erkennen und zu ordnen, was nicht immer gelingt. Vielleicht sind es Bilder, die nicht verstanden sondern erfühlt werden wollen.

 

Odlozil sagt selbst über seine Arbeit:

"Der Anblick von Dingen löst in uns etwas aus. Einerseits weil wir sie erkennen und uns deshalb wohl fühlen, andererseits weil sie eine Assoziation oder Erinnerung erzeugen. Ich möchte das direkt erreichen, ohne über das Erkennen zu gehen."

 

Mark Rothko soll einmal gesagt haben: "Bilder müssen geheimnisvoll sein." Das spricht einen Prozess an, der nichts mit Erkennen zu tun hat. Etwas, das über die sinnliche Erfahrung mit dem Gegenständlichen hinaus geht und die Grenzlinien von Intellekt und Bewusstsein überschreitet. Das Transzendente, außerhalb der normalen Sinneswahrnehmung liegende. Anders formuliert: Etwas Feinstoffliches überträgt sich und kann nur höchst subjektiv aufgefasst werden als Assoziation und Gefühl. Odlozil geht es in seinem Schaffen darum, eine eigene abstrakte Formensprache zu entwickeln, die nicht auf Nähe zum Ausgangspunkt abzielt, sondern direkt eine andere Ebene anregt.

 

Alexandra Kontriner


Michael Odlozil, born in Vienna, studied Conservation of Art at the University of Applied Arts in Vienna. He has been in private practice since 1997 (Atelier Schlossgasse) and Conservator of Paintings at the Kunsthistorisches Museum since 1999. In 2010 Michael Odlozil began to create his own work as an artist which includes both painting and photography.

 

Odlozil’s atelier is located within the “Kunstquartier”, (12th district of Vienna), where he, along with 60 other artists of differing disciplines, develop their work. Surrounding his work-space one can see numerous, impressive, large format paintings. The entire atelier is shrouded in a fine film of colored pigments, coming from a series of jars, lined up along shelves, behind his working table. In the corner is a container with dried pigment and used brushes.

 

The impression is that of a laboratory, in which any visitor is immediately confronted with the enormous dimensions of the paintings. One is initially impressed with the rather abstract and muted tones that abound, however, when taking time and gaining orientation, one can find themselves in an underwater world or even a vast and foreign universe.

 

The Artist’s chief motif is the landscape. The works are reminiscent of moonscapes, cliffformations, aquatic constellations or mountain-ranges. When asked whether his landscapes are the result of his direct analysis of forests or fields, the artist states that he pursposfully remains somewhat removed and is rather a foreign observer of the cityscapes and countrysides which he translates into images within his mind. The process is slow and contemplative until images have been prioritized, filtered, transformed and transferred to the canvas.

 

He paints with powdered pigments, dispersed only in water, without any additional binding agent. With various brushes and sponges he applies the pigments to a special, roughened, cotton support (Molton) which has the added ability to absorb both light and sound. To ensure that the pigment particles mechanically attach to the cotton support, the textile is wetted in preparation for painting. The multiple layers of pigments are applied with great calculation and concentration. The mixture of pigments, to create a specific chromatic effect, is actually established during the painting process. Even in the work’s final state, the individual pigment particles can be seen in their distinctive hue. Once the painting/canvas has fully dried, the delicate surface of the work is treated with an appropriate fixative agent.

 

Odlozil’s harmonious compositions establish an underlying tone of calmness and serenity. The interaction of the tactile surface and the earthiness of the pigments help to reinforce this impression. Fine, parallel running lines meet with diffuse applications of matt-black and brown fields of paint. Between passages of pink and saturated blue, shine points of pure white color, as if witnessing a break within the clouds or the reflection off the water’s surface. Fascinating is how the artist creates, upon a static surface, the impression of meandering water, wind and the glistening quality of light.

 

Odlozil’s paintings remain an experimental field for the artist. They offer him an open vista to investigate various forms of physical and/or optical effects. He aims to reduce his involvement to the unadorned necessities. Despite, or rather due to, the abstract quality of his works, it has become possible for the artist to fool one’s senses, to call forth associations and generate illusions. “Economy of Means” defines the aim of this artist. This concept keeps him centered, and at the same time affords him the incentive to search further for new solutions.

 

A comparable aesthetic, in terms of form and color, can be found in Odlozil’s approach to landscape photography, in which an analogues tendency towards abstraction can be seen. Through cropping, diffusion, inversion he breaks with the established ways of viewing and lays greater attention to focus, structure and composition. The viewer tries to re-establish the image – to reconcile the image –which is not always prove successful. Perhaps we are dealing with images that are not meant to be understood, but rather felt.

 

Odlozil comments about his work:

“The look of things releases something within us. In one way because we recognize them, which make us feel at ease, but also because they can generate associations and memories. I want to reach this directly, without having to recognize.”

 

Mark Rothko once said: “Paintings should remain mysterious”. This echoes a process which has little to do with recognition – something which has to do with the visual awareness of objects and passes the border between intellect and consciousness – the transcendental – which lays outside the boundary of sensory perception. Stated differently: When the essence of something or someone is translated, it can only be judged or appreciated through feeling and not objectivity. Odlozil, through his work, relates to the viewer through an abstract visual idiom, which does not focus on the visual objectivity at hand, but rather defines and encourages a more direct channel of perception.

 

Text: Alexandra Kontriner / Translation: Robert Wald